Kontur Magazin | DIE LICHTMACHER
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About This Project

Die Lichtmacher

 

„Wenn das jetzt nix wird, dann hör ich auf“ – eigentlich kein Satz, mit dem große Erfolgsgeschichten beginnen. Möchte man meinen. In Langenegg im Bregenzerwald waren aber eben genau diese Worte der Startschuss für eine Design-Revolution in Licht.

 

Kennen Sie auch so Familien, in denen jeder der Hellste sein will? Unangenehm, oder? Im Bregenzerwald ist aber eine kleine „Dynastie“ daheim, bei der genau diese Eigenschaft ganz sympathisch ist. Gut, genau genommen ist es auch ihre Aufgabe. Denn die Leuchten von Georg Bechter Licht sollen vor allem eins: für gutes Licht sorgen. Und nebenbei natürlich schön anzusehen sein. Beides schaffen die Modelle, die auf die Namen Verve, Baldachin, Vlobe, Vouge, Volem und Velvet hören. „Vater“ der Familie ist Georg Bechter, seines Zeichens Architekt und seit vier Jahren eben auch Lichtspieler.

 

Ob Loft oder Scheune

 

Dass er sich intensiver mit der Beleuchtung von Räumen auseinandersetzte – eigentlich logische Konsequenz seiner Arbeit. Dass er aber gleich noch die Art der Beleuchtung selber entwickelte, ist auf seine jahrelange Beschäftigung mit Design zurückzuführen. Nach seiner Lehre als Tischler absolvierte Georg Bechter den Studiengang Architektur und Design an der Akademie der bildenden Künste in Stuttgart. „Durch diese Kombination konnte ich damals immer schon auch den kleineren Maßstab mitbetreuen und hab neben der Architektur auch Möbel designt und gebaut“, erinnert er sich zurück. Schon damals hat er etwas sehr Wichtiges gelernt: Architektur ist maßstabslos. „Vielmehr ist es eine Art zu denken, mit Raum und Umgebung umzugehen. Zudem wurde mir vermittelt, was ein Gegenstand bzw. ein Raum leisten kann oder muss.“ In seiner Arbeit geht es Georg Bechter um den Bauherrn, um Bedürfnisse und um das, was die Menschen erfreut. „Wenn ich zum Beispiel an das Haus Simma in Egg denke. Das wurde mehrfach ausgezeichnet, was toll ist. Aber noch besser ist, dass mir der Bauherr nach drei Jahren die Tür aufmacht – und einfach strahlt. Diese Freude ist schon lässig.“ Dass bei der Planung natürlich auch das Budget eine Rolle spielt, blendet der Bregenzerwälder gar nicht aus. „Für mich als Architekt bleibt der Prozess aber trotzdem derselbe. Und alles ist gleich spannend: ob nun Loft in Berlin oder Scheune in Hittisau.“

 

Mit dem Viehanhänger zur Messe

 

Mögen Stil und Budget von Bauprojekten sich auch unterscheiden, eines braucht jeder Raum: die richtige Beleuchtung. Mit dem faszinierenden Spiel von Gebäuden und Licht hat sich Georg Bechter natürlich seit jeher befasst – und er hat nebenher auch immer wieder Möbel und neue Designideen entwickelt. „Oft war ich der Ansicht, das braucht die Welt jetzt. Schlussendlich war es aber nie so“, erzählt er mit einem Schmunzeln. Irgendwann kam dann die Inspiration zu Verve, dem Licht aus der Wand. „Ich hab nur gedacht: wenn das jetzt nix wird, hör ich auf.“ Da die Entwicklung aber doch sehr gut funktionierte, machte sich Georg Bechter auf zu Messen nach Köln und Mailand, um seine Neuheit einem Fachpublikum zu präsentieren. „Ich hab mir damals von meinem Vater den Viehanhänger ausgeliehen und dann bin da hingebrettert, hab Tag und Nacht den kleinen Messestand aufgebaut – und natürlich gehofft, dass irgendjemand die Leuchten kauft.“

 

Ein Ziel war damals vor allem, große Firmen anzuwerben und Lizenzverträge zu bekommen. „Ein paar Firmen fanden Verve auch super, konnten oder wollten aber in der Wirtschaftskrise nicht investieren.“ Für Georg Bechter gab es daraufhin nur eine Lösung: wenn sie nicht zahlen wollen, dann produzier ich eben selber. Und so wurde die Firma Georg Bechter Licht gegründet – in einer Scheune. „Im Nachhinein weiß ich nicht, ob ich das jemandem empfehlen würde, oder ob ich es nochmal tun würde. Es hängt halt extrem viel dran“, blickt der gebürtige Hittsauer zurück. Vor allem in den Bereichen Verkauf und Marketing musste er bei null starten. Hier hatte er aber das große Glück, dass das Licht die potenziellen Kunden faszinierte und sich quasi von selbst verkaufte. „So hab’ ich halt nebenbei gelernt, wie man’s macht.“ Und im Grunde war es auch bei der Produktion so. Den sehr komplexen Schablonen- und Formenbau hatte er regionalen Handwerkern übergeben. Aus den gefrästen Formen wurden Silikonformen gegossen. Erste Unterstützung beim Gießen der Gipsmodule bekam Georg Bechter damals von ein paar Hausfrauen, im Laufe der Zeit kamen immer mehr Mitarbeiter dazu.

 

Keine Eintagsfliege

 

„Mittlerweile haben wir uns, denke ich, als kleine Firma ganz gut positioniert. Auch haben wir in ziemlich coole Messeauftritte investiert, bei denen wir bleibende Erinnerung mit Licht schaffen.“ Und die Resonanz lässt nicht lange auf sich warten. Händler und Architekten rufen an, mittlerweile wurde im September auch der erste Showroom in der Leopoldstraße in München eröffnet. Hier können Kunden das gesamte Leuchtenprogramm vor Ort sehen und die Wirkung der verschiedenen Modelle erleben. Sechs an der Zahl sind es mittlerweile. Die Entwicklung einer kompletten „Familie“ war das große Ziel für die Messe Light + Building, die alle zwei Jahre in Frankfurt stattfindet. „Vor zwei Jahren waren wir zum ersten Mal dort und haben Verve vorgestellt. Heuer wollten wir den Kunden zeigen, dass wir keine Eintagsfliege sind, uns weiterentwickelt haben und Stabilität zeigen, was vor allem für Händler entscheidend ist. Dafür haben wir nochmal richtig Gas gegeben.“

 

Fließende Übergänge

 

Wir kennen nun ihre Namen, wissen, woher sie kommen und dass es sechs an der Zahl sind. Doch was genau ist nun das Besondere an den Produkten von Georg Bechter Licht? Zum einen machen sie gutes Licht, was für ihren Erfinder bedeutet, dass die Beleuchtung an die jeweilige Situation an-gepasst ist. „Denn wenn ich entspannen will, brauch ich ein anderes Licht als wenn ich arbeiten will. Dieses Konzept muss man auf die Raumanforderungen anpassen und dementsprechend das richtige Licht aussuchen.“ Wenn das Ganze dann noch mit einem Design kombiniert wird, das das Herz erfreuen kann und dem Raum gut tut, hat man im Grunde alles richtig gemacht. Und auch hier punkten die Leuchten aus dem Bregenzerwald. Denn anders als manch andere Lampen wirken sie nicht wie störende Objekte. Vielmehr arbeiten sie mit der Oberfläche des Raumes zusammen und „wachsen“ förmlich aus Wand oder Decke. Die Leuchten der LED-Kollektion sind als Einbauelemente konzipiert, die flächenbündig mit Gipskartonplatten verspachtelt werden. Das Ergebnis sind fließende, magische Übergänge, die es ermöglichen, unterschiedliche Lichtkonzepte wirkungsvoll zu realisieren.  Das System für den Einbau wurde dabei so simpel wie möglich gehalten. Herkömmlicher Gipskarton hat eine Stärke von 12,5 mm, das Modul der Leuchten ebenso. Diese werden einfach auf die Unterkonstruktion aufgeschraubt, wie die Gipskartonplatten verspachtelt, geschliffen und schließlich mit der Wand gestrichen. „Auch der Anschluss wurde so gewählt, dass er für Elektriker ganz einfach einzubauen ist.“

 

Best of the Best

 

Spezielle Lieblinge unter seinen leuchtenden „Familienmitgliedern“ hat Georg Bechter nicht. Aber natürlich fungiert die Wandleuchte Verve als absoluter Blickfang. „Sie macht etwas, was die anderen nicht machen können, so gesehen ist sie ein ganz wichtiges Produkt.“ Und schließlich war sie auch seine erste Leuchte. Aber auch die Deckenlösung Baldachin hat es dem Designer und seinem Team angetan. „Vor allem, weil es so eine simple Geschichte ist. Das Problem kennt ja jeder: Da hat man eine total schöne Hängeleuchte, doch dann ist da dieser, oftmals auch noch schiefe, Deckenanschluss aus Kunststoff.“ Das Gipsmodul des Baldachins wird dagegen flächenbündig in die Decke eingespachtelt und bietet eine integrierte Aufhängung für Pendelleuchten.

 

Die raffinierte Lösung hat es sogar geschafft, die höchste Auszeichnung des deutschen Rats für Formgebung zu ergattern. „Eine längst überfällige Innovation“ – mit diesen Worten zeichnete die Jury der diesjährigen „Iconic Awards“ den Deckenanschluss aus und verlieh ihm das Label „Best of the Best“. Ein gutes Zeichen für Georg Bechter, dass er und sein Team auf dem richtigen Weg sind. Doch wie geht es weiter? „Wir haben uns erst mal ein Designverbot gegeben.“ Nicht, dass es keine neuen Ideen gäbe, aber erst solle sich die neue Produktpalette einspielen. „Wir werden auch bestimmt nachlegen. Aber wir wollen solide wachsen, und nicht in den spekulativen Bereich hinein. Dann schlaf ich auch besser.“

AUSGABE

Winter 2014

AUTORIN

Sabine Blechschmidt

BILDER

Georg Bechter Licht

Category
In dieser Familie ist jeder der Hellste