Kontur Magazin | FEST VERWURZELT
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About This Project

„Ein Weg, der mir sehr viel von mir selbst zeigt“

 

„Je kräftiger ich meine Wurzeln fühle, desto mehr kann ich mich aus dem Fenster lehnen“, sagt Filippa Gojo. Die Musikerin ist in Bregenz aufgewachsen, studierte und unterrichtet in Köln und hat das wahr gemacht, was sich bei ihren ersten überzeugenden Auftritten als Jugendliche abzeichnete.

 

Sie muss einen guten Instinkt dafür gehabt haben, was sie sich abverlangen kann. Als sie als 14-Jährige auf die Bühne trat, waren auch die erfahrenen Bandmitglieder angetan von der Präsenz, der Musikalität und den tonangebenden Fähigkeiten des Mädchens. Nun, nach absolvierter Ausbildung, zahlreichen Konzerten und mehreren CD-Produktionen, hat sich bestätigt, was schon früh zu hören war. Mit ihrem Quartett und als Solistin hat sie gerade den „Neuen Deutschen Jazzpreis“ überreicht bekommen. „Ich dachte schon, nach dem Will-Stipendium kann es nicht mehr schöner werden. Der Preis hat mich ungemein gefreut, vor allem auch der Band-Preis“, blickt sie auf die letzten Wochen zurück, in denen sie das Glücksgefühl und das Interesse an ihrer Person kaum noch arbeiten ließen. Nun ist alles wieder im Lot. Filippa Gojo unterrichtet ihre Studenten, komponiert und bereitet die nächsten Auftritte vor. Sie führen sie auch immer wieder in ihre Heimat. Einmal, als es in Köln gerade regnete, hat sie sich die Fahrt an den Bodensee „kopfkinomäßig“ vorgestellt und ihre Gefühle in ein Lied gefasst.

 

Geerdeter Baum mit weiten Ästen

 

Wenn man bedenkt, dass sie viel herumkommt, einige Zeit in Portugal verbrachte, um ihre Sprachkenntnisse zu erweitern, oder dass sie ihre Engagements bis zu den Palauinseln im Pazifik führten, erhält die Schilderung vom Zurückkommen eine besondere Bedeutung: „Es ist ein sehr schönes Gefühl, zu wissen, was mich erwartet. Das Verwurzeltsein ist mir sehr wichtig, um mich entfernen zu können. Je kräftiger ich meine Wurzeln fühle, desto mehr kann ich mich aus dem Fenster lehnen. Das ist wie ein gut geerdeter Baum, der weite Äste hat“, erklärt sie und erzählt von einem Elternhaus, in dem Musik zum Alltag gehörte, obwohl Mutter und Vater keine Profis auf dem Gebiet waren. Zu den „wunderbaren“ Lehrern, die sie prägten, zählt Annika Kräutler, die ihr an der Bregenzer Musikschule vermittelt hatte, wie viel Spaß das Singen machen kann. Der Pianist Wolfgang Fauser hat schließlich ihre Liebe zum Jazz gefestigt, und als es darum ging, Nägel mit Köpfen zu machen, hat sie Anja Zischg auf die Aufnahmeprüfung an der Hochschule in Köln vorbereitet. Rund 80 Bewerber hatte es gegeben, zwei wurden genommen. Filippa Gojo brauchte sich keinen Plan B vorzunehmen, sie erfuhr ungemein rasch, dass sie den Sprung geschafft hatte. Annette von Eichel und Susanne Schneider zählten dann zu ihren Lehrerinnen in Köln.

 

Die CDs „Nahaufnahme“ (mit dem Filippa Gojo Quartett) oder „Rainbow’s End“ (mit The Willit Blend) haben ihre Fans längst in der Sammlung, Mitte Oktober hat sie mit Sven Decker ein Konzert aufgenommen, bei dem auch Instrumente wie eine Kalimba zum Einsatz kamen. Sie kann und möchte ihren Stil gar nicht einordnen, spricht von einer Mischung aus lateinamerikanischer Musik und Modern Jazz und von ihrem großen Interesse am Experimentieren und an Klängen. „Ich habe den Eindruck, dass ich einen Weg gefunden habe, mich selbst als Künstlerin auszudrücken. Ich habe das Gefühl, dass dieser Weg mir sehr viel von mir selbst zeigt. Ich empfinde es aber sicher nicht so, dass ich mich auf der Bühne entblöße. Ich definiere mich sehr über meine Kunst, aber nicht ausschließlich. Ich bin ja auch die Freundin Filippa und die Lehrerin. Wenn ich auf der Bühne bin, offenbare ich ja nicht alles von mir. Natürlich ist man exponiert und verletzlich. Es fühlt sich sehr gut an, etwas von mir preiszugeben, das das Publikum wertschätzt, es ist aber nur ein Teil, den ich offenlege und das hilft mir dabei, nicht zu viel Angst vor der Reaktion zu haben.“

 

Apropos Lehrerin

 

Derzeit unterrichtet die Vorarlbergerin in Köln ein knappes Dutzend Studenten. Junge Leute sind es vor allem, die sich, wie sie meint, auf unterschiedlichem Level befinden. „Es freut mich aber besonders, dass ich schon drei oder vier Mal jemanden auf eine Aufnahmeprüfung vorbereiten durfte und dass es meine Kandidaten dann auch geschafft haben.“ Singen kennt aber offenbar kein Alter, der Jazz schon gar nicht, ihre älteste Studentin ist Ende 50 und vor Jahren hatte sie auch einmal eine Seniorin, die an die 70 Jahre alt war und höchst vergnügt festhielt, dass sie nun in ihrem Leben endlich Zeit für das hat, was sie schon lange tun wollte, nämlich singen.

 

So weit wollen wir nicht vorausschauen. „Ich bin froh, wenn ich weiterhin Musik machen darf, so wie ich es jetzt mache und auch mit den Menschen, mit denen ich jetzt arbeite“, beschreibt die 27-Jäh-rige das Bild von sich in fünf Jahren. Köln erachtet sie als gutes Pflaster für den Jazz, ein paar Konzertreisen sollten sich aber schon ausgehen. Ein südliches Land darf dabei sein, Portugal vielleicht wieder, weil die Leute dort sehr emotional reagieren. Vor wenigen Monaten war sie in Oslo, hat ein ungemein aufgeschlossenes und begeisterungsfähiges Publikum erlebt. „Die waren so offen für Experimente, dass ich mir dachte, wow, der Norden wäre auch etwas.“

AUSGABE

Winter 2015

AUTORIN

Christa Dietrich

BILDER

Filippa Gojo

Category
Sängerin Filippa Gojo auf ihrem Weg