Kontur Magazin | FESTE VERBINDUNG
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About This Project

Feste Verbindung

 

Knapp drei Kilometer Kabel liegen in einem modernen Pkw, mit bis zu 6.000 Kontakten zwischen Sensoren und Steuergeräten. Viel zu tun für Spezialisten, die diese Systeme verbinden. Das Vorarlberger Unternehmen Hirschmann Automotive, mit Sitz in Rankweil, zählt dabei zu den besten der Welt. Und sorgt auch mit „Schwarz-arbeit“ für Aufsehen.

 

Volker Buth ist Techniker. Und begeistert davon. Die Kunst, biegeschlaffe Teile zu ummanteln, lässt ihn ins Schwärmen geraten. Biegeschlaff? „Ja, im Gegensatz zu biegesteif“, wundert sich der 55-jährige Deutsche, seit 2007 CEO bei Hirschmann Automotive, fast über die Nachfrage, um dann in den Modus „laienverständlich“ zu wechseln. Manche Teile müssen so ummantelt werden, dass sie zwar biegsam bleiben, aber durch die Belastungen im Fahrzeug wie Bewegung, Schläge, Hitze oder Schmutz nicht brüchig werden. Der Laie findet solche Teile etwa in den Leitungen, die Informationen von oder zu den Rädern übermitteln, also für Antiblockiersysteme, Traktions- oder Stabilitätsprogramme.

 

Know-how und null Toleranz

 

Seit dem Einstieg ins Geschäft für Kabel-Steckverbindungen in den 1980er-Jahren hat sich Enormes getan. War damals das Autoradio das komplexeste elektronische Teil vieler Pkw, haben Fahrzeuge heute – je nach Ausstattung – zwischen 20 und 80 elektronische Steuergeräte. Elektronik macht inzwischen mehr als ein Drittel der Produktionskosten aus. Und zählt zu den häufigsten Ursachen für Pannen. „Unser Anspruch ist daher null Toleranz in der Qualitätssicherung. Es darf nicht sein, dass eine Verbindung, die ein paar Euro kostet, ein System lahmlegt“, stellt Buth klar. Der geringe Stückpreis ist aber kein Indiz, dass Hirschmann einfache Massenware fertigt. Ein Sensor zur Messung des Bremsbelag-Verschleißes entkräftet solche Überlegungen, weil er direkt am Bremssattel sitzt. „Dort herrschen extreme Bedingungen – Vibrationen, Schläge, Nässe und Temperaturen bis 650 Grad“, illustriert der Hirschmann-CEO und verweist auf das Know-how, dafür eine leichte, kostengünstige Verbindung entwickelt zu haben, die diesen Einflüssen dauerhaft standhält.

 

Entwicklung und Eigenbau

 

Die Produktion ist nur ein Element in der Positionierung von Hirschmann gegenüber den Kunden, unter denen BMW und Daimler die größten sind. „Unser Geschäftsmodell definiert sich über Prozesse und Funktionen“, beschreibt Buth und spricht damit die Erwartung der Autohersteller an ihre Zulieferer an, immer mehr Entwicklungsarbeit zu leisten. Bei Hirschmann heißt dies, dass praktisch alle Werkzeuge und manchmal sogar Produktionsanlagen selbst entwickelt und gebaut werden. Folge ist die geringere Austauschbarkeit als Lieferant, vor allem aber die Chance, mit den Autoherstellern die Megatrends der Branche – Elektrifizierung, Kommunikation und Infotainment – zu gestalten. Trends, für die Hirschmann Komponenten im Portfolio hat. Oder gerade entwickelt.

 

Spezialisten in Vorarlberg gefragt

 

Auch wenn Hirschmann mit Werken in Tschechien, Rumänien, Marokko und ab 2015 China den Globalisierungstrend der Branche mitmacht, bleibt Rankweil Herz und Hirn des Unternehmens. Nicht nur, weil Vorarlberg in Rufweite zu Automobilzentren wie Stuttgart oder München liegt, sondern weil der Standort überzeugt. „Qualifizierte Mitarbeiter sind unser Wettbewerbsvorteil. Daher suchen wir laufend motivierte Menschen, die in Vorarlberg mit internationalen Perspektiven am Auto der Zukunft arbeiten wollen“, wirbt Buth, selbst 2007 ins Ländle übersiedelt. Für den Nachschub an Experten tut Hirschmann viel. Aktuell absolvieren 56 Lehrlinge das interne Ausbildungsprogramm, eine eigene Hirschmann-Akademie sorgt für laufende Weiterbildung.

 

Projekt „Schwarzarbeit“

 

Strategisch fokussiert sich Hirschmann auf Produkte, die Autofahren umweltfreundlicher machen. Aus zwei Gründen, wie Volker Buth erläutert: „Erstens trägt die Elektronik viel dazu bei und zweitens steigt die Nachfrage für diese Produkte, nicht nur durch schärfere Bestimmungen für Emissionen und Verbrauch.“ Nachvollziehbar ist daher auch die Gründung der Sparte „Renewable Energy“, in der das automotive Know-how seit 2010 für Anschlüsse und Steckverbindungen in Photovoltaik-Anlagen genutzt wird. Ein ganz besonderes Resultat dieser Strategie wurde in „Schwarzarbeit“ entwickelt. Unter diesem Projekttitel haben Mitarbeiter neben der Arbeitszeit ein Elektrofahrrad entwickelt und dabei auch Tausende Testkilometer abgestrampelt. Obwohl technisch ausgefeilter als viele etablierte Systeme auf dem Markt, wird das Hirschmann E-Bike wohl nicht in den Handel kommen. Einen wichtigen Zweck soll es jedoch erfüllen. „Bis heute haben wir rund 70 Hirschmann-E-Bikes zum Selbstkostenpreis an unsere Mitarbeiter verkauft. Viele nutzen es in ihrer Freizeit. Unser Ziel ist es aber, dass bis in drei Jahren ein Drittel unserer Mitarbeiter mit dem E-Bike in die Firma kommt“, erklärt Buth diesen praktischen Beitrag zur Emissionsreduktion, den er sich – ohne Schwitzen, weil die letzten Kilometer mit maximaler Unterstützung fahrend – selbst seit einiger Zeit gerne leistet.

AUSGABE

Frühjahr 2014

AUTORIN

Daniel Witzani

BILDER

Klaus Hartinger

Category
Zu Besuch bei Hirschmann Automotive