Kontur Magazin | IST DAS NICHT SPITZE?
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About This Project

„Säg gaad“, ist das nicht spitze?

 

Es hätte auch sein können, dass das neue Vorarlberg Museum eine andere Fassade erhält, denn bei der Frage, wie das Bundesland zu dem wurde, was es ist, spielt auch die Textilindustrie eine entscheidende Rolle. Druckstöcke an-statt Blüten bzw. PET-Flaschenböden könnten die Wand also ebenfalls zieren. Und weil Spitzenstoffe nach wie vor ein Thema sind, entfalten sie nun im Inneren des Hauses auf jeden Fall ihre Pracht.

 

Die Dialektwörter „Säg gaad“, was so viel heißt wie „was du nicht sagst!“, ließ die Vorarlberger Künstlerin Veronika Schubert für eine Videoarbeit aus feinem Stickgarn nachbilden. Damit ist schriftlich dokumentiert, was aus der mündlichen Überlieferung nach und nach verschwindet bzw. zu verschwinden droht. Schuberts Familie stammt aus Lustenau, der Kontakt zur Stickerei-Industrie war somit von Kindheit an gegeben und da die Stickereientwürfe und die bildende Kunst durchaus eng beieinander liegen, überrascht die Präsenz ihrer Arbeiten in der Ausstellung „African Lace“ keineswegs.

 

Wirtschaftsgeschichte

 

Während es Schubert in erster Linie um Kommunikation und sprachliche Äußerung geht, hat die Tatsache, dass das Stickgarn bereits zur Eröffnung des Vorarlberg Museum in Bregenz enorme Bedeutung erlangt, einen anderen Hintergrund. Dass mittels Sprache Beziehungen – auch Handelsbeziehungen – aufgebaut werden, mag neben dem Material zudem einen gemeinsamen Nenner bilden. Weder von der Zartheit, mit der Veronika Schubert den Blick der Betrachter schärft, noch von der Opulenz bunt bestickter Stoffe darf man sich jedoch täuschen lassen, „African Lace“, eine Ausstellung, die das Wiener Völkerkundemuseum bzw. nun Weltmuseum bereits vor knapp drei Jahren realisierte, kommt nach Vorarlberg, weil sich in den Objekten auch ein wesentlicher Aspekt der Wirtschaftsgeschichte dieses Bundeslandes spiegelt.

 

Und um nicht über den Begriff zu stolpern, sei erklärt, dass Lace zwar Spitze bedeutet, aber für Ätz- und Lochstickerei steht. Elisha P. Penne, Professorin an der Universität Michigan, führt die Vorliebe für Gewänder mit Lochstickereien unter anderem auf die Körperkunst und -tätowierungen mit filigranen Mustern und Ornamenten zurück, die in Afrika bzw. Nigeria eine lange Tradition haben. Elegante Afrikanerinnen. Sabine Haag, die aus Vorarlberg stammende Generaldirektorin des Kunsthistorischen Museums Wien, sagt es sehr schön, dass ihr die elegante Erscheinung afrikanischer Frauen schon in der Jugend ein Begriff gewesen ist, waren sie doch als Geschäftsleute in Lustenau präsent, um Kollektionen zu ordern. Die Blütezeit der Handelsbeziehung zwischen Nigeria und Vorarlberg war in den 1970er-Jahren. Später gab es in dem afrikanischen Land Vorbehalte gegen den massiven Import und eine Forderung nach Rückbesinnung auf traditionelle nigerianische Stoffherstellung. „Heute gilt die österreichische Spitze schon selbst als nigerianische Tradition“, so die Wiener Ausstellungskuratorin Barbara Plankensteiner. Und auch eine überlieferte Erzählung von der Intensivierung einer kleidsamen Zusammenarbeit hört sich interessant an. Ein Vertreter der Lustenauer Spitzen-Industrie war an sich nur zur Zwischenlandung in der Stadt Lagos, als er die Vorliebe der Bewohner entdeckte, sich eigens noch Spitzen an die Kleidung zu nähen: Eine weitere Export-Idee war geboren und wurde verfolgt.

 

Familienunternehmen

 

Vor allem Familienunternehmen sind es, die in Vorarlberg Stickerei produzieren. Allein 104 von 166 Betrieben (mit insgesamt nur 240 Maschinen) sind in Lustenau angesiedelt. 98 Prozent der Erzeugnisse gehen in den Export, 57 Prozent kommen auf den afrikanischen Markt.

 

Im Vergleich zur Wiener Ausstellung, deren Inhalte, so die Ethnologin Theresia Anwander, in Bregenz eins zu eins übernommen werden, nützt man im Vorarlberg Museum nun die Chance, für eine Ergänzung der Schau aus dem Vollen schöpfen zu können. Die aufbewahrten Kettenstickereiprodukte reichen ins 19. Jahrhundert zurück, Musterbücher sind hierzulande ohnehin in großer Zahl erhalten geblieben und auch der über die Jahre erfolgte Wandel in der Mode und im Geschmack der Träger bzw. Endverbraucher ist anhand der Sammlung abzulesen. Einerseits hat sich das Material verändert und ist feiner geworden, andererseits hat man die Sticktechnik weiter- entwickelt und zudem tauchen figurale Elemente und große Blumen nicht mehr so oft auf. Pailletten haben, so Anwander, beispielsweise auch plakative Muster ersetzt oder ergänzt. Keine Frage, wer Kreationen von Designern wie Frank Osodi, Folake Folarin-Coker oder Ituen Bassay betrachtet, die von wunderschönen Abend- und Cocktailkleidern bis zu reizvollen Zweiteilern mit frechen Shorts reichen, der könnte leicht dazu verführt sein, Bezeichnungen wie „Der Stoff, aus dem die Träume sind“, zu verwenden. Allerdings handelt es sich um Träume, die sich eine begüterte Schicht in einem Staat mit 170 Millionen Einwohnern erfüllt, in dem Kriege und Diktaturen nicht weit zurückliegen, die Lebenserwartung etwa 53 Jahre beträgt und Umweltkatastrophen, Armut und Kinderarbeit allgegenwärtig sind. Die Themen werden im Vorarlberg Museum keineswegs hinter den dekorativen Stoffbahnen aus neueren Kollektionen versteckt.

 

Anerkennung

 

Denkanstöße liefern neben Veronika Schubert auch weitere Künstlerinnen und Künstler. So hat die Theatergruppe „Rimini Protokoll“ ein Stück entwickelt, das mit Klischeevorstellungen vom Stoffhandel und dem Kontrast zwischen afrikanischer Bevölkerung und europäischen Importeuren in Lagos bricht. Klaudia Lässer arbeitet mit dem Sound in Stickereibetrieben und Nina Hofer erzählt eine berührende Familiengeschichte. Die aus Vorarlberg stammende Mutter und der aus Deutschland stammende Vater hatten sich einst in der Textil-HTL in Dornbirn kennengelernt. Der Berufseinstieg verlangte Flexibilität. Schon als Kleinkind ist die Künstlerin viel herumgekommen. Eine Art Reise oder ein Abenteuer symbolisiert „African Lace“ letztlich ebenso, und im Begriff „Säg gaad“ steckt schließlich auch so etwas wie Anerkennung.

 

Und die PET-Flaschenböden an der Fassade des Museums? Das ist freilich eine andere Geschichte. Sie hat mit jenen Gefäßen zu tun, die die Römer in Bregenz hinterließen und die deshalb die Funde der Archäologen dominieren. Gut 2000 Jahre später sind Kunststoffgebinde allgegenwärtig. Dass die Böden solcher Flaschen Blumen und Rosetten gleichen, macht sie nicht besser, aber schöner.

AUSGABE

Sommer 2013

AUTORIN

Christa Dietrich

BILDER

Vorarlberg Museum

Category
Eine Hommage an die Textilindustrie