Kontur Magazin | KARRIERE MIT SINN & SINNLICHKEIT
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About This Project

Karriere mit Sinn & Sinnlichkeit

 

2006 eroberte Claudia Arthur-Flatz aus Bregenz die Position eines External Relations Officer bei der UNO in Wien. Kampfgeist und Initiative entwickelte die absturzgefährdete Schülerin im BG Gallusstraße. Femininer Feminismus ist ihre Geheimwaffe: auch dann Frau zu sein, wenn sie auf UN-Missionen in Krisengebieten ist.

 

Claudia Arthur-Flatz lernte in der Schule tatsächlich etwas fürs Leben: „Als eher schlechte Schülerin habe ich früh gelernt, mit Krisen umzugehen. Ein ‚Nicht genügend‘ steigerte meine Selbstsicherheit. Stand ich am Abgrund, entwickelte ich Kampfgeist und kapitulierte nicht vor dem drohenden Absturz, sondern zog in letzter Minute die Reißleine. Gerne erinnere ich mich an zwei Professoren. Im Physikunterricht brachte uns Gerhard Rüdisser über Raketenabwehrsysteme ein Grundwissen bei, das mir als ‚Disarmament Officer‘ im UN-Hauptquartier in New York zugute kam. Josef Thaler überzeugte mich mit seiner philosophischen Ansicht, das Leben aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten und Optimist zu bleiben. Die Matura geriet zum Gnadenakt. Im Zug zwischen Bregenz und Wien entschied ich mich für das Orchideenstudium Ethnologie und Skandinavistik.“

 

Passion im Studium

 

Nachdem die Bregenzerin ihrer Veranlagung folgte, gegen den Strom zu schwimmen, absolvierte sie das Studium an der Universität Wien mit Leidenschaft in erfolgreichem Schnelldurchgang inklusive Auslandssemester an der kalifornischen Eliteuniversität Berkeley. Für die Magisterarbeit betrieb sie mit einem Stipendium der Vorarlberger Landesregierung Feldforschung in der Arktis, um den Zugang zur Bildung der indigenen Volksgruppen in Skandinavien zu dokumentieren und mit jenen Kanadas zu vergleichen. Bei der Gelegenheit erweiterte sie ihre Sprachkenntnisse in Französisch und Englisch um Schwedisch und Dänisch. Damit war Claudia Arthur-Flatz für den nächsten Karrieresprung gut gerüstet.

 

Zwischenstation bei der EU in Brüssel

 

Über Vermittlung von Dr. Gottfried Feurstein ergab sich die Chance eines Praktikums im Europäischen Parlament, wofür sie geradezu prädestiniert war: Untersuchung und Dokumentation des legalen Status ethnischer Minderheiten innerhalb der Europäischen Union. Von da an ging es steil bergauf. Claudia Arthur-Flatz nahm unter anderem an verschiedenen Friedensmissionen der UN und OSZE teil, etwa in Bosnien-Herzegowina und Mazedonien. Sie bewährte sich als OSZE-Beobachterin für die Verletzung von Menschenrechten in den Nachkriegskonflikten am Balkan. Ihr Einsatz blieb im österreichischen Außenministerium nicht unbemerkt. 1998 wurde Claudia Arthur-Flatz unter Außenminister Wolfgang Schüssel „Desk Officer for North and South Korea“.

 

Lehrjahr im Außenministerium Wien

 

1998/99 steuerte die Beziehung zwischen Nord- und Südkorea einer neuerlichen Auseinandersetzung zu. Kim Jong-il in Nordkorea bedrohte Südkorea mit einem atomaren Angriff. In Südkorea regierte Kim Dae-jung. Sein Botschafter in Wien war der spätere UN-Generalsekretär Ban Ki-moon. „Meine Aufgabe in dieser politisch brisanten Zeit bestand unter anderem darin, über die Lage in Nord- und Südkorea zu berichten und die politische Situation zu analysieren. Sowohl der nordkoreanische als auch der südkoreanische Botschafter kamen täglich ins Außenministerium, um eine Demarche bei der EU einzubringen. Berichte wie Analysen dienten der Vorbereitung des ersten Dialogs zwischen der EU und Nordkorea sowie des ersten EU-Human Rights Table in Pjöngjang. Die Arbeit in diesem lehrreichen Jahr brachte eine intensive Reisetätigkeit mit sich, nicht zuletzt im Zuge von EU-Beobachter-Missionen in Kambodscha, Nigeria und Madagaskar.“ Als Claudia dem Call aus dem Hauptquartier der Vereinten Nationen in New York folgte, leitete die „Sonnenscheinpolitik“ zwischen Nord- und Südkorea eine entspannte Epoche ein. Kim Dae-jung erhielt den Friedensnobelpreis.

 

Disarmament Officer im UN-Hauptquartier

 

Zu den Spezialgebieten der „Visible Woman“ aus dem Ländle gehörten Maßnahmen zur Entwaffnung sowie Demobilisierung von Soldaten und ihre soziale Reintegration mit dem geographischen Fokus auf Liberia und Sierra Leone in Westafrika. „Wir haben zum Beispiel im Gegenzug zur Entwaffnung Landreformen vorgeschlagen und alternative Programme für die Sicherung des Lebensunterhalts implementiert. Mit Erfolg.“ Später wirkte sie dann an der Etablierung der „Nuclear Weapon Free Zone Central Asia“ (Nuklearwaffenfreie Zone Zentralasien) mit. „Wir verwalteten die Register der nuklearen Sprengköpfe der zentralasiatischen Staaten mit dem Ziel, diese abzurüsten.“ Den 11. September 2001, jenen Tag, an dem zwei Flugzeuge in die Türme des World Trade Centers crashten, wird die Bregenzerin nie vergessen. „Ich war im 28. Stock des UN-Hauptquartiers mit Blick auf das WTC. Als ich aus dem Gebäude draußen war und durch die 1st Avenue ging, war es totenstill. Es kamen mir Menschen entgegen, die voll Staub waren und geschockt herumirrten. Ich ging in den Central Park und überlegte, was ich jetzt am besten tun sollte. Aus den Bankautomaten kam kein Geld, die Supermärkte waren leer, viele Geschäfte geschlossen, das Leben in Manhattan hatte sich schlagartig verändert. 2003 nahm ich ein Angebot von Novartis aus der Schweiz an.“

 

Im Dienste des Pharmariesen Novartis

 

On top ihrer Agenda im schweizerischen Konzern stand die Verantwortung für globale Öffentlichkeitsarbeit und Kommunikation. Mandat wie Portfolio waren mit den bisherigen Erfahrungen kompatibel. Die Schreibtische von Claudia Arthur-Flatz standen in Basel und Wien. Ein vertrauter Aktionsplatz war unter anderem die EU in Brüssel. Ziel: Registrierung und Zulassung des ersten Bio-Similar-Produktes. Dafür konnte sie ihr Talent, Menschen zu überzeugen und vertrauensbildende Maßnahmen zu schaffen, einsetzen. „Nach einigen Jahren wollte ich jedoch nicht mehr im Rhythmus vierteljährlicher Finanzberichte leben, obwohl ich gut verdient und sehr viel gelernt habe. 2006 erfüllte sich der Traum, den ich als Maturantin geträumt habe: eine Aufgabe bei der UN in Wien.“

 

In der Festung des Weltfriedens

 

Rund 4000 Personen aus 110 Ländern arbeiten in der „UNO City“ in Wien, die neben New York, Genf und Nairobi einer von vier UN-Hauptsitzen ist. Der Platz von Claudia Arthur-Flatz ist im UN-Büro für Drogen- und Verbrechensbekämpfung (UNODC). Sie operiert mit Erfahrung: „Die Aufgaben werden vielfältiger, die operativen Einsätze häufiger, die kriminellen Energien stärker. Zur Bekämpfung von Terrorismus, Korruption, Schmuggel von Migranten und Kulturgütern, Menschenhandel wie Geldwäsche sind neue kriminelle Szenarien wie Cybercrime, identitätsbezogener Diebstahl, Umweltkriminalität und Piraterie dazugekommen.“ Zu den speziellen Agenden der Bregenzerin zählt die Pflege der Beziehungen zu den Mitgliedsstaaten. Aktuell ist der Kontakt mit Italien aufgrund des Schmuggels von Migranten intensiv. Um für den Menschenhandel, der „modern-day-slavery“, Unterstützung zu bekommen, begibt sich die attraktive Weltbürgerin nicht nur auf das Terrain spendabler Großkonzerne, sondern auch auf jenes von Glam & Glitz. Aus gutem Grund. Mit prominenter Unterstützung von Vivienne Westwood, Nicolas Cage oder Howard Buffet, Sohn des legendären Investors Warren Buffet, gelingt es ihr, die öffentliche Aufmerksamkeit auf die guten Taten der UNODC zu lenken. „Die kriminellen Szenarien ändern sich so rasch wie die Mode. Die UNODC ist gefordert, ebenso rasch und flexibel zu reagieren, Partnerschaften zu pflegen und zu kreieren, die uns effektiv unterstützen und vor Ort substantielle wie subsidiäre Hilfe ermöglichen.“

 

Claudia off the records

 

Sie ist Mama von zwei Söhnen. Clarence ist zehn Jahre alt, William sieben. Der Vater ist Engländer. Eine Großmama und ein Großpapa leben in Bregenz, die anderen sind noch weiter weg. „Meine Funktion als Bindeglied zwischen der UNO und den Mitgliedstaaten ist mit Missionen, Konferenzen, Präsentationen verbunden, die oft keine Bürozeiten kennen. Für eine berufstätige Mutter bedeutet die Organisation jedes einzelnen Tages effizientes Krisenmanagement. Trotzdem schaffe ich es nicht, 30 Cupcakes für die Freunde meiner Söhne zu backen.“ Was sie real schafft, kann sich sehen lassen. Was sie noch schaffen will, führt zur Frage, die Künstler im UNKnown Space stellten: Wie schreibt die UNO Sinnlichkeit? Claudia Arthur-Flatz ist in „A Man’s World“ Frau geblieben und kein besserer Mann geworden. Wozu auch?

AUSGABE

Winter 2017

AUTORIN

Elisabeth Längle

BILDER

Claudia Arthur-Flatz, Anais Horn, Kleid: Vivienne Westwood Couture

Category
Claudia Arthur-Flatz und ihre Geheimwaffe