Kontur Magazin | MIT ERDE GEBAUT
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About This Project

Mit Erde gebaut

 

Für die einen ist es nur ein Klumpen Dreck, für Martin Rauch aus Schlins zukunftsweisender Baustoff: Lehm. Für das neue Ricola-Kräuterzentrum in Laufen wurden über 3000 Tonnen des natürlichen Materials gestampft und zur Fassade zusammengefügt. Die Kräuter des Schweizer Bonbonherstellers werden dort in Zukunft gereinigt, getrocknet, gelagert, geschnitten und zur bekannten 13-Kräutermischung verarbeitet.

 

Wer hat’s erfunden? Vielleicht erklingt einer der bekanntesten Werbeslogans in ein paar Jahren auch, wenn es um den Lehmbau im großen Stil geht. Denn es ist das Schweizer Unternehmen Ricola, das mit seinem Kräuterzentrum in Laufen neue Maßstäbe setzt. Wir wollen gleich an dieser Stelle aber natürlich nicht unerwähnt lassen, dass man sich dafür das Fachwissen aus Vorarlberg zu Hilfe geholt hat: die kleine Firma Lehm Ton Erde Baukunst GmbH um Martin Rauch setzte das Großprojekt in nur wenigen Monaten um.

 

Premiere und Herausforderung zugleich, denn noch nie hatte man zuvor solch ein großes, unstabilisiertes Gebäude aus Lehm errichtet. „Mit dem Kräuterzentrum ist der derzeit größte Lehmbau in Europa entstanden, wenn nicht sogar weltweit“, merkt Martin Rauch nicht ohne Stolz an. Dass Ricola und das Basler Architekturbüro Herzog & de Meuron ihm und seinem Team das Vertrauen schenkten, empfindet er als große Ehre. „Man muss bedenken: Wenn ein Baustoff genormt ist, liegt die Verantwortung bei der Norm. Beim Lehmbau gibt es diese Norm aber nicht. Wer tritt also ein, sollte etwas schief gehen? Diese große Frage stand zu Beginn aller Überlegungen“, erinnert er sich zurück. „Eine der größten Herausforderungen war daher, das Vertrauen von Bauherrschaft und Architekten zu gewinnen – zu mir, zur Fassade und zum Einhalten des Zeitrahmens.“ Möglich wurde dies vor allem durch den Umstand, dass Martin Rauch nicht nur Fachplaner der Lehmfassade war, sondern auch die Ausführung übernommen hat. „Die Verantwortbarkeit liegt somit komplett bei mir, da mussten wir nicht lange diskutieren.“

 

Kalkuliertes Risiko

 

Ein „sanftes Ruhekissen“ sieht anders aus: ein Projekt, das man in dieser Form noch nie umgesetzt hat, die ganze Verantwortung auf den Schultern. Man möchte meinen, dass in dieser Zeit Angst der ständige Begleiter war. „Ach, alle haben viel zu viel Angst beim Bauen, dadurch werden Innovationen verhindert. Um solche Geschichten umzusetzen, braucht es Mut und ein gewisses kalkuliertes Risiko.“ Was bei Martin Rauch bedeutet: wenn etwas nicht so kommt, wie man es sich vorgestellt hat, ist nicht das komplette Projekt gefährdet. Die Frage, ob es einen Zeitpunkt gab, an dem er eventuell ans Aufgeben dachte, erübrigt sich eigentlich. Wir stellen sie trotzdem und wundern uns so gar nicht über die Antwort: „Nein. Dann hätt‘ ich das Projekt auch nicht angefangen. Es gibt natürlich manchmal ein mulmiges Gefühl, aber das ist ganz normal. Mittlerweile hab‘ ich so viel Erfahrung, das hätte vor zehn, 15 Jahren wahrscheinlich noch anders ausgeschaut.“ Trotzdem, ein Gebäude dieser Größe aus Stampflehm ist ein Meilenstein und zeichnet auch das Unternehmen Ricola aus – innovativ und mutig einerseits, verbunden mit Tradition, Regionalität und Qualität andererseits.

 

Logische Ergänzung

 

Schweizer Kräuter werden zukünftig in Schweizer Erde verarbeitet – ein starkes Bild, das auch die besondere Kraft des Gebäudes zum Ausdruck bringt. „Gebaut mit Lehm und Erde aus unserer Laufentaler Heimat steht es für traditionelle Werte, weist aber durch die nachhaltige Bauweise auch in die Zukunft“, heißt es vonseiten Ricola, das bereits ein langjähriger Dialog mit dem Architekturbüro Herzog & de Meuron verbindet. 1983 wurde das erste gemeinsame Projekt umgesetzt, die Hülle des Hochregallagers am Fabrikationsstandort Laufen, das Verpackungs- und Vertriebsgebäude im elsässischen Brunstatt sowie das Marketinggebäude im Garten der Verwaltung in Laufen wurden von Herzog & de Meuron entworfen. Eine gelungene Fortsetzung findet diese außergewöhnliche Partnerschaft nun im Kräuterzentrum. Beide Unternehmen teilen dieselben Vorstellungen von Qualität, Funktionalität und Ökologie. Die Lehm Ton Erde Baukunst GmbH war hier im Grunde nur die logische Ergänzung, da auch Martin Rauch und sein Team höchste Ansprüche an Qualität und Nachhaltigkeit stellen.

 

Auf Vertrauen gebaut

 

Dabei entstand die Zusammenarbeit mit dem Schlinser Betrieb relativ überraschend. Die Planungen bei Herzog & de Meuron hatten bereits verschiedene Materialien durchlaufen. Über Holz, Kalksandstein und Eternit kam man schließlich auf Lehm als Baustoff für die Fassade. „Was folgte, war eine Machbarkeitsstudie sowie eine Eruierung der Kosten“, so Martin Rauch. Und dann ging alles relativ schnell: Nachdem feststand, dass das Projekt mit Stampflehm machbar ist, gingen alle Planungen in Richtung Realisierung. Hier zeigte sich einmal mehr das große Vertrauen, das Ricola in die Lehm Ton Erde Baukunst GmbH setzte: „Das größte Problem war die Zeitschiene. Wir wussten, dass wir für die Produktion der Stampflehmelemente mindestens acht bis neun Monate brauchen, fürs Versetzen nochmal vier Monate. Daher war es notwendig, dass Ricola uns den Auftrag sukzessive schon vorab gibt. Ein Entgegenkommen, das es uns ermöglicht hat, mit den Vorbereitungen sowie mit dem Maschinenbau zu beginnen.“ Ja, denn für den Bau des Kräuterzentrums wurden gänzlich neue Maschinen entwickelt, die es überhaupt erst möglich machten, 670 Lehmelemente mit je 4,6 Tonnen Gewicht herzustellen. Diesbezüglich kam das Großprojekt für Martin Rauch im Grunde wie gerufen. „Das Kräuterzentrum war der Startschuss und ist ein Zeichen für die Modernisierung des Lehmbaus.“ Dass dieses Zeichen gerade aus Europa kommt, verstärkt die Signalwirkung noch zusätzlich. Warum das? „Nun, Lehm ist sehr arbeitsintensiv. Darum ist es umso erstaunlicher, dass man genau in der Ecke, wo die Arbeitskraft am teuersten in ganz Europa ist, so ein Gebäude hinstellt. Das zeigt eigentlich, dass Lehmbau in anderen Ländern, in denen die Arbeitskraft billiger wäre, noch eine viel größere Chance hätte als hier“, ist sich Martin Rauch sicher.

 

Ein unbeackertes Feld

 

Das Problem sei aber das negative Image, das Lehm oftmals noch hat – und das völlig zu Unrecht. „Stampflehm ist eine der stablisten Lehmbautechniken, die es gibt. Zudem kann ich damit eine kalkulierte Erosion in der Außenfassade mit einplanen“, so der Profi. Nicht zu verachten ist auch der ökologische Aspekt. „Durch die Entscheidung für Stampflehm haben wir beim Kräuterzentrum beispielsweise im Vergleich zu Kalkstein an die 90 Prozent Primärenergie eingespart.“ Und Martin Rauch blickt noch weiter in die Zukunft: „Alles, was wir bauen, wird irgendwann wieder abgebrochen. Eine Lehmfassade kann ich einfach umwerfen und auf der Wiese liegen lassen. Oder ich verwende sie weiter, baue neue Häuser damit, ganz ohne Qualitätsverlust.“ Und mit 3500 Tonnen Lehm könnte man bestimmt eine Menge Häuser bauen. So viel Material aus der direkten Umgebung des Kräuterzentrums wurde nämlich in Form gebracht. Genauer bestand der Baustoff für die Fassade aus steinigem, lehmigem Aushubmaterial, Mergel und Lehm. Nach der Ermittlung der perfekten Mischung wurde der Arbeitsplatz für die folgenden Monate eingerichtet. Eine glückliche Fügung hatte dazu geführt, dass das Team eine leerstehende Industriehalle, nur drei Kilometer von der Baustelle entfernt, anmieten konnte. In sechs Monaten Vorbereitungszeit entstand dort die Produktionsstätte. Und dann wurde es ernst: Die Mischung wurde in die Schalung gefüllt und verdichtet, der erste Prototyp eines Lehmelementes gebaut. Am Ende waren es 670 Elemente, die im Laufe von wenigen Monaten zur 45 cm starken Fassade verbaut wurden, von außen und innen sichtbar. 25 Mitarbeiter waren involviert, aus allen möglichen Ländern und Berufssparten, darunter auch mehrere Architekten, die in der Produktion mitarbeiteten. „Sie haben sich Know-how über Lehmbau geholt, um auch in Zukunft diese Form des Bauens weiter zu betreiben“, freut sich Martin Rauch über das Interesse und die Tatsache, dass alle Beteiligten mit Freude und sehr engagiert dabei waren. Weiterer positiver Nebeneffekt: man hat viel gelernt. „Wir waren sehr innovativ. Während des Bauprozesses wurde quasi immer weiterentwickelt. Denn seien wir ehrlich, in diese Richtung ist der Lehmbau noch wenig erforscht, wie ein unbeackertes Feld. Da gibt es noch viel zu entdecken und sehr großes Potenzial – sowohl aus architektonischer, als auch aus verfahrenstechnischer und gestalterischer Sicht.“

 

Bekenntnis zur Schweiz

 

Das Ergebnis des „Prototypen“ kann sich sehen lassen. Das Kräuterzentrum überzeugt durch seine Schlichtheit und Einfachheit, Kräuter und Erde bestimmen den speziellen, unverwechselbaren Charakter. Die riesige Kubatur, die mitten in der Wiese steht, fügt sich wie ein monolithischer Lehmkörper in die Landschaft, wird selbst zur gebauten Landschaft. Die längliche Form erinnert in gewisser Weise an die Wege und Hecken, die seit jeher eine Besonderheit dieser Gegend sind. Gleichzeitig spiegelt der Lehmbau mit seiner Form auch die Schritte in der industriellen Verarbeitung von Kräutern wider. Doch so wie es jetzt ist, wird es nicht bleiben. „Die Fassade ist einem Prozess unterworfen. Sie wird im Laufe der Zeit ausgewaschen, behält aber ihr Aussehen. Das macht sie sehr langlebig“, so der passionierte Lehmbauer. Ein weiterer, sehr wichtiger Punkt: die klimaregulierende Wirkung. Photovoltaik-Module auf dem Dach und die Nutzung der Abwärme aus dem Produktions-zentrum in der Nähe tragen ebenfalls zur Verbesserung des ökologischen Gleichgewichts bei. Mit dem Bau bekennt sich Ricola in mehrfacher Hinsicht zum Standort Schweiz. Und einmal mehr werden die selbst auferlegten Ziele im Bereich Ökologie und Nachhaltigkeit konsequent verfolgt: Transporteffizienz und vernünftiger Umgang mit Ressourcen stehen im Vordergrund.

 

Etwas fehlt

 

Die Bauherren und Architekten sind mit der Umsetzung ihres neuesten Gebäudes, das am 27. Juni offiziell eröffnet wurde, zufrieden. Und Martin Rauch? „Sagen wir mal so: Das Ergebnis jetzt ist hervorragend. Wenn Sie mich in zwei Jahren nochmal fragen und es immer noch hervorragend ist, haben wir eine super Arbeit gemacht.“ Denn so ist es im Lehmbau: wenn Fehler auftauchen, kommen sie im Lauf von zwei Jahren nach Fertigstellung. „Man soll den Tag also nicht vor dem Abend loben. Aber aus jetziger Sicht ist es wirklich sehr gelungen.“ Und prägend für die Zukunft des Lehmbaus. „Was jetzt nur noch fehlt, sind Fachkräfte und spezialisierte Firmen. Doch Lehmbau wird in den Handwerker- und Architekturschulen nicht gelehrt, kann sich daher eigentlich praktisch nicht weiterentwickeln“, konstatiert Martin Rauch das Dilemma seiner Leidenschaft. Deshalb ist ihm Wissensvermittlung, beispielsweise an Praktikanten oder Studenten, eine Herzensangelegenheit. „Denn Lehm ist so ein super Baustoff: ökologisch, schön, nachhaltig. Es sollte viel leichter werden, damit zu bauen.“

AUSGABE

Sommer 2014

AUTORIN

Sabine Blechschmidt

BILDER

Ricola

Category
Ein Kräuterzentrum ganz aus Lehm