Kontur Magazin | EIN ZUHAUSE FÜR DEN KÖNIG
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About This Project

Ein neues Zuhause für den König

 

Die Bodenseeregion, das Rheintal – seit Jahrhunderten wird hier Wein angebaut. Mal mehr, mal weniger, mal besser, mal weniger gut. Wie die Zeiten eben waren, wie hoch das Genuss- und Kulturgut im Ansehen stand. In den letzten zwei Jahrzehnten steht der Rebensaft wieder hoch im Kurs rund um den See.

 

Junge Winzer wollen mehr als nur Schoppenweine für Touristen herstellen, mit einer fundierten Ausbildung bringen sie den Wein zum Strahlen. Und wie ernst es ihnen ist, zeigen sie auch in der Architektur. Eine Weinreise in der Region – ein Nachmittagsausflug vielleicht. Die Freunde von König Wein werden jedenfalls königlich empfangen. Wein und Architektur, das ist keine Novität, die in Bordeaux und im Burgenland auf höchstem Niveau gepflegt wird, auch im Schweizer Rheintal und am deutschen Bodensee finden sich Residenzen für den Wein, die einen Besuch lohnen: wegen der Architektur, aber vor allem wegen des Weins. Die neuen Weinbauten haben durchaus mit dem Selbstverständnis der Winzer zu tun, das sich in den vergangenen Jahren grundlegend geändert hat. Während die großen Weingüter seit jeher mit Prachtbauten ihren Status untermauerten, hat sich in den vergangenen Jahren eine neue Elite gebildet, die mit ihren Weinen und mittels eindrücklicher Gebäude und Keller auf sich aufmerksam macht.

 

Bei den Aufrichts

 

Traumhaft ist schon die Lage des Weingutes Aufricht in Stetten bei Meersburg. Die Weinberge ober-halb des Bodensees bieten einen Panoramablick über den See, der den italienischen Seen die Schau stiehlt. Und erst die Weine, die Robert und Manfred Aufricht keltern: Sie sind das Maß der Dinge am See. Ihre Burgunder, egal welcher Farbe, zählen zu den besten Deutschlands. Auch international reüssiert das Weingut, ob bei den Weinbeißern von GaultMillau oder bei „Les Mondial des Pinots 2012“. Weintipp der Familie Aufricht? Natürlich alle Sorten vom Riesling bis zum trockenen Sauvignon Blanc. Aber ganz besonders ans Herz der „kontur“-Leser legen die Aufrichts den 2014er Weißburgunder „Burgundische Lilie“: „Es sind die zuletzt geernteten Trauben. Sie profitieren von den schönen Spätsommertagen. Die kühlen Nächte während der Ernte verleihen ihm eine unübertreffliche Finesse. Dieser Weißburgunder überzeugt durch seine Mehrdimensionalität, mit einem Duft nach gelben Früchten und weißen Blüten.“

 

Ein Fixpunkt auf der Weintour

 

Ebenso spektakulär wie die badischen Nachbarn liegen Weingut und Weinberge der Familie Schmidt – allerdings schon in Bayern: Die Vorarlberger Architekten Elmar Ludescher und Philip Lutz haben einen so aufsehenerregenden wie schlüssigen Bau auf den Hügel über dem Bodensee platziert, der für Genussreisende schon jetzt als ein Fixpunkt bei der Tour de Bodensee gilt. Hier stimmt alles – die kleine Karte mit echten Buschenschankspezialitäten, das Weinangebot, Lage und Architektur. Für die Familie ist mit dem Neubau über Hattnau ein Traum Wirklichkeit geworden. Aktuell werden zirka acht Hektar Reben bewirtschaftet, die Cuvée Rosé aus Zweigelt, Blauburger und Cabernet Dorsa ist in der ganzen Region ein Bestseller, deshalb tut sich Maximilian Schmidt auch schwer mit einer Empfehlung: „Einen Weintipp zu geben, ist schwierig, da wir bis auf den Müller-Thurgau und Rosé ausverkauft sind. Freuen darf man sich aber schon jetzt auf den Sekt, der künftig das Sortiment abrundet.“

 

Zusammenspiel von alt und modern

 

Nur wenige Kilometer weiter, in Nonnenhorn, wartet ein weiterer gastlicher Weinkeller: im Winzerhof Gierer, einem Familienweingut mit sechs Hektar Rebfläche, werden 70 Prozent der Flaschenweine ab Hof verkauft – in einem modernen Anbau, der das Terroir reflektiert und auf die alte Bausubstanz Rücksicht nimmt. Ein gestalterisches Statement, das sich aber nicht zu wichtig nimmt. Sehr sympathisch, wie Josef Gierer und seine Familie, die auch Ferienwohnungen vermieten. Müller-Thurgau, Bacchus, Grauburgunder, Weißburgunder, Riesling, Sauvignon blanc sind dominierend, sie besetzen 75 Prozent der Weinberge, 25 Prozent sind mit Spätburgunder, Dornfelder und Carbernet cortis bepflanzt. Weintipp des Winzers: Der 2014er Nonnenhorner Grauburgunder trocken, den er so beschreibt: „Weicher und gehaltvoller Charakter, dezenter Duft nach Honig und Nüssen, cremiger, kraftvoller Körper, lebendige, harmonische Frische, nachhaltig-langanhaltender Geschmack am Gaumen.“

 

Kulturgut Wein

 

Hoffentlich so lange anhaltend, dass die Fahrt ins Schweizerische Rheintal zum Vergnügen wird. Das Weingut Schmidheiny in Heerbrugg setzt dort Maßstäbe. Das Gut gehört der Unternehmerfamilie Schmidheiny, nicht zugekauft, sondern Heimat und Zentrale eines kleinen Weinimperiums, das Dependancen höchster Güte in Argentinien, den USA und am Zürichsee besitzt. 1904 gründete Ernst Schmidheiny die Weinbaugenossenschaft Balgach mit, später produzierte sein Sohn Max auch auf eigenem Boden Wein. Mit der Übernahme des elterlichen Weinguts durch Thomas Schmidheiny begann 1998 eine neue Ära. Der Betrieb wurde modern umgestaltet und 2012 mit einem einmaligen Neubau ergänzt. Thomas Schmidheiny will nicht nur erstklassigen Wein kreieren, mit der Neuausrichtung des Weinguts gibt er seiner Heimatregion gerne etwas zurück – auch kulturell. Im Weingut werden nicht nur Weine höchster Güte produziert, auch regelmäßige Kulturveranstaltungen unterstreichen das Kulturgut Wein an den Abhängen des Schweizer Rheintals. Das Klima im Rheintal ist für Pinot, den König der Reben, ideal.

 

Architektonische Landmark

 

Das wissen auch die Winzer einige Kilometer weiter in der Bündner Herrschaft. Das pittoreske Dörflein Fläsch ist trotz alpiner Lage einer der Hotspots für hochklassigste Pinot Noirs, die nicht im Burgund gedeihen. Aushängeschild ist das Weingut Gantenbein. Martha und Daniel Gantenbein sind Quereinsteiger. Ihr Rezept, das ihnen Weltruhm einbrachte und einbringt: „Maßgebend ist die Rebe.“ Also pflanzten sie Burgunder-Klone in ihre Rebberge. Sie lernten: Die Traube darf nichts verlieren auf dem Weg von der Rebe in die Flasche. Also haben sie den Betrieb danach eingerichtet. Traubengut und Saft fließen entlang der Schwerkraft, weder wird gepumpt noch filtriert. Die Weine sind extrem selten, das Weingut eine architektonische Landmark der Weinarchitektur: 2006 realisierten die Gantenbeins ihren Neubau, der von den Churer Architekten Valentin Bearth, Andrea Deplazes und Daniel Ladner so beschrieben wird. „Der Neubau, ein ‚Pfeilerstall‘ mit Fassaden aus durchbrochenem Mauerwerk, ergänzt das bestehende Ensemble aus Ökonomiebauten. Ein Zweckbau mit natürlicher Klimatisierung. Er übersetzt die elementaren Anbau- und Produktionsmethoden des Weinguts in Materialwahl und Raumorganisation. Das durchbrochene Mauerwerk ist Sonnenschutz, Lichtfilter und Wärmepuffer. Die Mauerelemente wurden als perforierte Wandscheiben aus Klinkersteinen mit offenen Mauerfugen von Industrierobotern gefertigt.“ Fünf Hektar der Weinberge − und damit der große Teil − gehören dem Pinot Noir. Ein Hektar gehört dem Chardonnay. Und auf 20 Aaren schließlich wird Riesling angebaut. Alles Weine in der Topklasse, die nur sehr selektiv verkauft werden. Zum Wohl.

AUSGABE

Winter 2015

AUTORIN

Andreas Scalet

BILDER

Winfried Heinze, Ralph Feiner, Hasselblad H4D, Dietmar Strauss, Bilder Weckert/Maximilian Schmidt, Weingut Aufricht

Category
Winzer und ihr Wein rund um den See